Märchenpädagogik

Rezension

Buch: Christian Peitz: Kindheit - Heldenzeit: Märchen, Bildung und Entwicklung


Kindheit - Heldenzeit
Ausstattung: Paperback (s/w), Paperback (s/w), 156 Seiten mit fünf Abbildungen und drei Fotos.

Inhalt: In sechs Hauptkapiteln wird die Bedeutung von Märchen als „Heldenreise“ für Kinder dargestellt. Der Schwerpunkt liegt darauf, ErzieherInnen anzuleiten, KiTa-Kindern eine über Märchen- bzw. Heldengeschichten strukturierte Rückmeldung ihres persönlichen Entwicklungsgangs zu geben.

Kurzbewertung: Ein informatives Buch, strukturiert aufgebaut und zielgruppengerecht ansprechend und gut verständlich geschrieben. Die zentrale These, Joseph Campbells Struktur der Mythenkonzeption auf Märchen zu übertragen und für Kindertagesstätten-Dokumentationen nutzbar zu machen, scheint überzeugend. Ein vielversprechender Ansatz märchenpädagogischer Arbeit!

Rezension:
Der Diplompädagoge Christian Peitz ist nicht nur als Autor für neue Märchen bekannt, sondern auch profunder Märchenkenner, der sich dafür einsetzt, diese besonders für Kinder geeignete Literaturgattung schon in Kindertagesstätten pädagogisch fruchtbar zu machen. Und genau darum geht es in seinem neuen Buch: In einer schlüssigen Argumentation beleuchtet er zunächst die Auswirkungen der aktuellen Bildungsdiskussion, die ausgehend von den PISA-Studien bis in die KiTa-Pädagogik hineinreicht (Kapitel 2). Er klärt die pädagogische Bedeutung von Märchen und Märchenmedien für Kinder im Vorschulalter und beleuchtet die Bedeutung von „Helden“ für Kinder (Kapitel 3 und 4). Auch hier liegt der Schwerpunkt auf Märchen, obwohl, wie auch im folgenden Kapitel deutlich wird, der Heldenbegriff nicht auf den „Märchenhelden“ reduziert wird, sondern auch die „klassischen“ Helden (z.B. Spiderman, Luke Skywalker oder Fußballstar Ronaldo), andere Abenteuerhelden (z.B. Winnetou, Harry Potter, Ronja Räubertochter) und sogar Alltagshelden (ein junger 20-jähriger Mann, der sich vom „Hotel-Mama“ lossagt) einbezogen werden.
In 10 Unterpunkten wird an diesen Beispielen und anhand des Märchens „Hänsel und Gretel“ die Struktur eines solchen Heldenabenteuers nach der Theorie von Joseph Campbell erläutert. Warum das so ausführlich geschieht, wird im folgenden Kapitel deutlich: Diese Struktur dient nämlich dazu, Kindern ihr eigenes Leben und Erleben als „Heldenreise“ nachvollziehen zu lassen. Dies wird anschaulich erläutert mit Beispielen und zahlreichen praktischen Hinweisen in Kapitel 6: „Beobachtung und Dokumentation“. Lerngeschichten, die sich aus einer so strukturierten Kinderbeobachtung ergeben, können mit Hilfe eines Leitfadens als „Heldenmärchen“ erzählt oder dokumentiert werden. Ältere Kinder können gar ihr eigenes „Heldenmärchen“ erzählen.
Es finden sich leider keine Hinweise in dem Buch zu der Frage, inwiefern dieses Modell bereits praxiserprobt ist. Mein eigener Versuch, mit Hilfe des angegebenen Fragenkataloges (S. 144f.), einen viereinhalbjährigen Jungen ein solches Heldenmärchen selbst erzählen zu lassen, zeigte, dass dieses Modell reizvolle Gesprächsanreize bietet. Zugleich wurde deutlich, wie schwierig es durchzuführen ist, wenn man mit Verfahren dieser Art wenig vertraut ist, was sowohl für den „Erzieher“ als auch für das Kind gilt. Dadurch wird jedoch nicht das Modell als solches infrage gestellt, es verweist lediglich auf mögliche Grenzen dieses märchenpädagogischen Ansatzes.
Das Buch bezieht sich nicht nur maßgeblich auf Joseph Campbells „The Power of Myth“ und Walter Seyffers im Anschluss an Campbells verfasste Schrift „Helden für ein Leben. Die heldenhafte Lebensreise des Menschen nach Joseph Campbell und ihr Einfluss auf den individuellen Lebenslauf“. Auch klassische psychologische Ansätze, etwa die Archetypustheorie von Carl Gustav Jung, das Instanzenmodell von Sigmund Freud oder das Wertequadrat von Paul Herwig werden für diesen märchenpädagogischen Helden-Ansatz fruchtbar gemacht. Dadurch bietet diese Veröffentlichung trotz seines sehr spezifischen Gebrauchswertes für KiTa-ErzieherInnen einen sehr guten allgemeinen Überblick über den pädagogischen Wert von Märchen. „Bildung“ und „Entwicklung“ (auf die der Untertitel verweist) spielen dabei natürlich eine große Rolle, gleichwohl die Klärung dieser Begriffe in Bezug auf den pädagogischen Wert von Märchen noch ausgiebiger hätten geklärt werden können.

Fazit: Ein neuer, überaus interessanter märchenpädagogischer Ansatz für den Einsatz in Kindertagesstätten, der sich auch für die Grundschularbeit erweitern lässt. Zudem bietet dieses Buch einen guten Überblick über die Bedeutung von Märchen und Heldengeschichten für Kinder und aktuelle Diskussionslinien der KiTa-Pädagogik. Hervorzuheben ist der klare und anschauliche Schreibstil und die systematische und nachvollziehbare Argumentation des Autors Christian Peitz. (O. Geister, 2014)


Alle Rezensionen auf einen Blick

  • Buch: Osuji, Wilma: Die 50 besten Märchenspiele (2015)

  • Buch: Behnke, Andrea: Oma war eine Seeräuberin (2014)

  • Buch: Der Märchenbrunnen. 12 Märchen der Brüder Grimm (2014)

  • Buch: Anderski, Christa: Wundersame Märchen 1 (2014)

  • Buch: Schieder, Brigitta: Erzähl mir doch ein Märchen. 60 wertvolle Märchen für Kita und Grundschule. 2. Aufl. (2014)

  • Buch: Christian Peitz: Kindheit - Heldenzeit (2014)

  • Buch: Flöthmann, Frank: Grimms Märchen ohne Worte. 3. Aufl. (2013)

  • CD: Christian Peitz: Rumpelstilzchen schlägt zurück. (2013)

  • Angelika B. Hirsch: Stroh zu Gold spinnen. Rumpelstilzchens Sitz im Leben. (2013)

  • BluRay: Sechs auf einen Streich: König Drosselbart, Frau Holle, Der gestiefelte Kater. (2013)

  • Buch: Günter Lange (Hrsg.): Märchen – Märchenforschung – Märchendidaktik. 3. Aufl. (2012)

  • Buch: Christian Peitz: Märchen für die Bühne. Stücke und Ideen für viele Anlässe. (2012)

  • Buch: Steffen Martus: Die Brüder Grimm. Eine Biografie (2009/2013)

  • Buch: Michael Sahr: Zeit für Märchen. Kreativer und medienorientierter Umgang mit einer epischen Kurzform. 2. Aufl. (2007)

  • Buch: Ute Fenske (Hrsg.): Rund um Märchen. Kopiervorlagen für den Deutschunterricht. 1. Aufl. (2006)

  • Buch: Erich Kästner: Der gestiefelte Kater (1950/2001)