Märchenpädagogik

Rezension

BluRay: Sechs auf einen Streich: König Drosselbart, Frau Holle, Der gestiefelte Kater. (2013)


Sechs auf einen Streich
Ausstattung: Aufwändiges Digipack mit drei Blu-Ray-Discs und 16seitigem Farbbooklet.

Inhalt: Auf jeder Disc ist je ein Märchenfilm von knapp 60 Minuten (ARD-Produktion von 2008f.) plus jeweils ein „Making of“ und verschiedene Trailer.

Kurzbewertung: Die Märchenfilme sind mit teilweise sehr prominenten deutschen Schauspielern recht aufwändig und liebevoll produziert. In ihrer Qualität sind sie unterschiedlich. Insgesamt sind es gelungene Verfilmungen, die nicht zu klischeehaft oder kitschig sind.

Rezension
Als Märchenpädagoge ist man wahrscheinlich immer etwas skeptisch, wenn Grimmsche Märchenstoffe verfilmt werden. Zu groß ist die Gefahr, dass das Märchentypische verloren geht: Die typisierten Figuren werden zu handelnden Charakteren und die Handlung wird oft ausgedehnt, Märchenklischees werden bedient und die Fantasie durch die filmische Bildkomposition stark gelenkt. Trotzdem kann es für Kinder und Erwachsene unterhaltsam sein, verfilmte Märchen anzuschauen und die Filme können dazu anregen, wieder die Originale zu lesen.
Bei der vorliegenden Blu-Ray-Box handelt es sich um drei sehr bekannte und interessante Märchenstoffe.
In „König Drosselbart“ (KHM 52) soll die zickige Prinzessin – so will es ihr Vater – heiraten und wird von zahlreichen Prinzen umworben. König Drosselbart schlüpft in das Gewand eines Spielmannes und sie wird mit ihm zwangsvermählt. Tatsächlich hat Drosselbart erzieherische Ambitionen mit seiner Gattin: Sie soll das harte, entsagungsreiche Leben kennen lernen und dabei ihre Pflichten erfüllen. Weil das heute nicht mehr ganz zeitgemäß erscheint, haben die Autoren des Films dem König Drosselbart eine emanzipierte Schwester an die Seite gestellt. Mit ihr reflektiert er beim Fechtkampf seine Doppelrolle als Bettlerehemann und Prinz und lässt sich dabei stets von der emanzipiert-kritischen Schwester besiegen.
„Frau Holle“ (KHM 24) spielt in zwei Welten: in der bäuerlich-realistischen und der fantastischen der Frau Holle, in die man durch einen Sturz in den Brunnen gelangt. Nett ist die Filmidee, die Geschichte durch einen Scherenschleifer, gespielt von Herbert Feuerstein, erzählen zu lassen. Die Figuren sind allerdings sehr „weich gezeichnet“ und erscheinen daher – wenig märchenhaft – zu realistisch. Missraten ist die kitschige computeranimierte Welt der Frau Holle mit etwas nervigen sprechenden Tieren sowie die moralisierende Läuterung des faulen Mädchens. Diese unnötig in die Länge gezogene Märchenverfilmung ist höchstens etwas für junge Mädchen, die sich daran erfreuen können, wenn die Töchter der armen Witwe von Frau Holle in tolle Kleider gesteckt werden.
Ganz anders, weil äußerst gelungen dramatisiert, ist der „Gestiefelte Kater“ (Anh. 5), der sich nur in der ersten Auflage der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm findet. Hier wurde im Unterschied zur Grimmschen Version der Bösewicht früher eingeführt und stärker als Bedrohung für das Märchenvolk aufgebaut. Für manche ganz Kleine (FSK 0!) ist er sicherlich zu böse und gruselig dargestellt, aber sowohl die Figur des Katers (Jürgen Tarrach), als auch der naiv-nette König (Kai Wiesinger) mit seiner hübschen Tochter (Jennifer Ulrich) sind erstklassig besetzt. Dies ist für mich die gelungenste Umsetzung der drei Märchen, was auch an der lustigen und wenig moralisierenden Vorlage liegen mag.

Fazit: Insgesamt handelt es sich um eine Märchenfilmbox mit aufwändig und professionell produzierten Märchenfilmen, die gut umgesetzt sind. Die unterschiedlichen Autoren und Regisseure der Filme sorgen allerdings auch für eine unterschiedlich gelungene Umsetzung. Sehenswert sind diese Filme insofern, als sie unterhaltsam sind und dem Grundhandlungsgerüst des Märchens weitgehend folgen. Bei der Übersetzung von Märchen in Film geht – so paradox das klingt – immer etwas verloren. Deshalb sind diese Filme eher älteren Kindern (ab 5-6 Jahren) zu empfehlen, die die Märchen schon in Buchform kennen gelernt haben. Märchenpädagogisch reizvoll könnte ein analytischer Vergleich der Grimmschen Märchenvorlage mit der filmischen Dramatisierung sein. (O. Geister)


Alle Rezensionen auf einen Blick

  • Buch: Osuji, Wilma: Die 50 besten Märchenspiele (2015)

  • Buch: Behnke, Andrea: Oma war eine Seeräuberin (2014)

  • Buch: Der Märchenbrunnen. 12 Märchen der Brüder Grimm (2014)

  • Buch: Anderski, Christa: Wundersame Märchen 1 (2014)

  • Buch: Schieder, Brigitta: Erzähl mir doch ein Märchen. 60 wertvolle Märchen für Kita und Grundschule. 2. Aufl. (2014)

  • Buch: Christian Peitz: Kindheit - Heldenzeit (2014)

  • Buch: Flöthmann, Frank: Grimms Märchen ohne Worte. 3. Aufl. (2013)

  • CD: Christian Peitz: Rumpelstilzchen schlägt zurück. (2013)

  • Angelika B. Hirsch: Stroh zu Gold spinnen. Rumpelstilzchens Sitz im Leben. (2013)

  • BluRay: Sechs auf einen Streich: König Drosselbart, Frau Holle, Der gestiefelte Kater. (2013)

  • Buch: Günter Lange (Hrsg.): Märchen – Märchenforschung – Märchendidaktik. 3. Aufl. (2012)

  • Buch: Christian Peitz: Märchen für die Bühne. Stücke und Ideen für viele Anlässe. (2012)

  • Buch: Steffen Martus: Die Brüder Grimm. Eine Biografie (2009/2013)

  • Buch: Michael Sahr: Zeit für Märchen. Kreativer und medienorientierter Umgang mit einer epischen Kurzform. 2. Aufl. (2007)

  • Buch: Ute Fenske (Hrsg.): Rund um Märchen. Kopiervorlagen für den Deutschunterricht. 1. Aufl. (2006)

  • Buch: Erich Kästner: Der gestiefelte Kater (1950/2001)